Focusing mit den Peanuts

Lucy Psychiaterin

Charlie Brown und Lucy van Pelt besuchen die gleiche Klasse an der örtlichen Schule. In diese Schule geht auch Linus, Lucys kleiner Bruder, über den sie sich sehr oft ärgert. Am meisten hasst sie es, dass der kleine Bruder noch immer eine Schmusedecke mit sich herum trägt. Es ist ihr besonders peinlich, dass er diese Decke sogar in die Schule mitnimmt.

Neben der Schule betreibt Lucy eine kleine psychiatrische Praxis, einerseits um ihr Taschengeld aufzubessern, andererseits weil sie es liebt, anderen zu sagen, was gut für sie wäre.

Am letzten Wochenende hat sie aus Neugier ein Focusingseminar besucht. Nun brennt sie darauf, ihre neu erworbenen Fähigkeiten in der Praxis einzusetzen.

Schon bald kommt auch der erste Klient: Ihr kleiner Bruder. Schniefend, schlurfend und schluchzend kommt Linus um die Ecke.

Lucy Psychiaterin

„Irgendwie schaut er ja noch verheulter aus als sonst“, denkt Lucy. Im ersten Moment kann sie aber nicht erkennen, warum Linus so verschmiert daher kommt. Doch dann begrüßt sie den Besucher ganz professionell: „Hallo Linus. Setz dich doch und erzähl‘ mir, was mit dir los ist.“ Insgeheim ist sie richtig zufrieden, dass sie nicht so auf ihn reagiert hat, wie sonst. Denn dann hätte sie ihn mit einem: „Warum heulst du so?!“ abgefertigt.

„Mama hat meine Schmusedecke in die Waschmaschine gesteckt“, jammert Linus. „Wie soll ich da heute Abend einschlafen?“ Der kleinen Psychiaterin liegt schon ein bissiger Kommentar über alberne, dreckige Schmusedecken auf der Zunge. Doch da besinnt sie sich auf die Erfahrungen im Focusingseminar und lässt die Aussage von Linus innerlich auf sich wirken. Und irgendetwas wird ganz weich in ihr, denn auch sie hat eine schlimme Angst, von der sie am Wochenende zum ersten Mal erzählt hat.

„Ja“, sagt Lucy ganz freundlich. „Du weißt jetzt gar nicht, wie du einschlafen sollst.“

Linus lächelt erleichtert. Seine Mutter hatte ihn ärgerlich angefahren, als er sich heulend sträubte, die Schmusedecke in die Wäsche zu geben. Und von Lucy war er schon gewöhnt, dass sie ihn wegen der Decke auslachte. Und nun versteht die Schwester ihn endlich, das ist gut. Sein Lächeln bestätigt Lucy, die sofort eine focusing-orientierte Frage nachschiebt.

„Wo in dir drinnen ist denn der ganze Jammer wegen deiner Schmusedecke?“ Linus ist von dieser Frage völlig überrascht. Aber die Wörter „in dir drinnen“ kennt er gut. Der Doktor fragt immer so ähnlich, wenn es um Bauchweh geht.“ Es ist sehr ähnlich wie Bauchweh, nur viel größer und ein anderes Weh als nach zu viel Erdnussbutterbrot.“ Linus spürt noch mal in sich hinein, dann nickt er. „Ja, größer und anders als Erdnussbutterbrot – Weh.“

Lucy hört, was ihr Klient sagt und bemerkt erstaunt, dass er ihr gerade ganz nah und vertraut ist. Und so wagt sie eine Frage zu stellen, die sie selber immer noch etwas merkwürdig findet. “ Magst du mal dein Bauchweh fragen, ob es uns etwas erzählen möchte?“ Linus schaut verwundert und im gleichen Moment hörte er aber schon innen drinnen den ersten Satz vom Bauchweh. „Ohne die Decke kann ich nicht einschlafen. Sie beschützt mich vor den unsichtbaren Monstern im Kinderzimmer. Durch die Decke hindurch können sie mich nicht beißen.“

„Ah“, die Psychiaterin ist auf einmal ganz interessiert. „Die Decke beschützt dich also. Es geht um Schutz und Sicherheit.“ Von Linus ist ein tiefer Seufzer zu hören. „Ja, ich kann nur schlafen, wenn ich mich sicher fühle.“

Lucy lächelt glücklich, denn sie hat in dem Seminar gelernt, dass ein tiefer Atemzug darauf hinweist, dass eine gute Veränderung im Körper stattgefunden hat.

„Wie ist es denn jetzt gerade?“ fragt sie Linus behutsam. „Ist da ein bisschen was von Sicherheit da?“ Linus schaut seine Begleiterin erstaunt an. „Ja, tatsächlich. Ich fühle mich heute ganz sicher bei dir. Irgendwie habe ich so gar keine Angst vor schlimmen Bemerkungen.“

Lucy hört das und bemerkt, dass sie einen Moment Zeit für sich braucht. So schlägt sie Linus vor, einen Moment noch das sichere Gefühl zu genießen. Linus schließt seufzend die Augen und lässt sich tiefer in den Stuhl rutschen. Lucy nutzt die Zeit, um für sich zu sorgen. Irgendwie fühlt es sich richtig mies an, dass der eigene Bruder sich vor ihren Bemerkungen fürchtet. Gleichzeitig kann sie aber auch den Teil in sich spüren, dem es einfach Riesenspaß macht, zynisch, sarkastisch, ironisch und frech zu sein. In Gedanken legt sie das miese Gefühl in eine kleine Truhe, die mit blauem Samt ausgeschlagen ist. Diese stellt sie ins Regal, damit sie sich später, wenn Linus gegangen ist, darum kümmern kann. Den frechen Teil von sich selbst setzt sie ins Büro ihrer Schuldirektorin, die ein paar Frechheiten schon lange verdient hat. Nun hat Lucy wieder ihren inneren Freiraum.

Behutsam wendet sie sich an Linus: „Wie ist es jetzt?“ Der kleine Bruder öffnet die Augen und lächelt.

„Es ist ganz gut.“ „Es ist ganz gut“, wiederholt Lucy und kann das Gute auch in sich selber fühlen. „Kennst du noch andere Dinge oder Personen, bei denen Du dich gut und sicher fühlst?“ Linus überlegt, dann zuckt er mit den Schultern. „Ich weiß nicht“. „Ja“, Lucy nickt. „Wissen können wir es nicht, aber du kannst es spüren.“

Da schließt Linus die Augen und wartet ein bisschen. „Bei Snoopy fühle ich mich auch ganz gut und sicher. Er ist so lieb zu seinem kleinen Küken Woodstock.“

Lucy ist völlig ratlos, was jetzt eine gute Frage wäre. Sie hatte so gehofft, dass Linus auf ein Kuscheltier oder etwas ähnliches kommen würde. Denn den Hund Snoopy kann ja Linus nicht mit ins Bett nehmen. Aber wie hatte sie vorhin selbst gesagt: „Wissen kann man es nicht, nur spüren.“

So lehnt sie sich entspannt in ihrem Stuhl zurück und gibt die Frage an Linus weiter: „Und wie könnte dir die Sicherheit von Snoopy in der nächsten Nacht helfen?“ Linus lacht: „Ich bitte ihn, dass er bei mir vorbeikommt und mir beim Einschlafen hilft. Er soll mir ein Lied vorsingen und eine Gute-Nacht-Geschichte tanzen. Dann muss ich lachen und habe keine Angst mehr. So kann es heute Abend gut gehen, auch ohne Decke.“

Lycy schüttelte innerlich den Kopf: Ausgerechnet der durchgeknallte Snoopy…,  aber äußerlich ganz gelassen fragt sie: „Hast du schon eine Idee, wie du Snoopy dazu bringen kannst, dir beim Einschlafen zu helfen?“

Linus überlegt: „Mama hat für heute Koteletts gekauft. Ich sammle einfach die Knochen und bringen sie Snoopy zum Abnagen. Dafür hilft er mir bestimmt.“

Einen Moment ist es still in Lucies kleiner Open-air-Praxis.

Dann steht Linus auf und sagt zu seiner Schwester: „Ich weiß, dass man 50 ct für die Sitzung zahlen muss. Aber ich habe kein Geld. Wäre es für dich in Ordnung, wenn ich dreimal den Abwasch für dich mache?“ Lucy grinst: „Zweimal wäre auch gut gewesen, aber mach nur dreimal, kleine dumme Brüder sind einfach praktisch.“ Linus grinst zurück und meint im Weggehen: „Ich glaube, das eine oder andere Focusingseminar täte dir noch richtig gut.“

6 Gedanken zu „Focusing mit den Peanuts“

  1. Letzte woche strukturfrostiger und frustiger Tag. Nach dem Blog wieder das Gefühl von Entspannung und Willkommensein. Warte schon sehr auf den nächsten Blog!

    1. Danke für den ersten Kommentar im frischgeschlüpften Blog. Es freut mich was du schreibst: Entspannung und Willkommensein, das hört sich gut an und ist eine richtig wohltuende Ermutigung.

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